COVID-19-Epidemie 2019/20

22. März 2020 Irgendwann wird ein neues Virus auftauchen. Wollen wir dann jedes Mal unsere Wirtschaft kaputt machen und das gesellschaftliche Leben lahmlegen? Dieses Zitat von Franziska Laur in der Basler Zeitung vom 21. März 2020 steht stellvertretend für viele Kritiker der aktuell durch den Bundesrat verhängten Massnahmen zur Eindämmung der exponentiellen Vermehrung der Covid-19 Fälle. Ich verstehe diese Haltung. Nicht nur in der westlichen Welt ist die Ökonomie die Leitwissenschaft der Politik. Ohne Wirtschaft kein Einkommen. Ohne Wirtschaft keine Existenz. Dieses System ist nun bedroht. Und in der Tat ist es schwierig abzuschätzen, wo das alles endet.

Sind die die Massnahmen des Bundesrates gerechtfertigt?

Meiner Meinung nach sind die Massnahmen des Bundesrates richtig. Nur schon deshalb, weil die Covid-19-Epidemie nicht einfach «wie eine normale Grippewelle» ist, wie Franziska Lauer suggeriert. Ich jedenfalls erinnere mich nicht daran, dass in den letzten 40 Jahren irgendwo in der westlichen Welt die Krematorien überlastet und 70 Militärlastwagen nötig waren, um die Opfer einer Grippewelle auf verschiedene Krematorien zu verteilen. Wenn sogar die USA den Notstand ausrufen und Lockdowns anordnen (ich buchstabiere: Die  U  S  A), dann muss die Lage relativ ungemütlich sein. Wir werden in den nächsten Wochen hässliche Bilder sehen. Alte Menschen, die alleine zu Hause (oder in einem vom Militär aufgestellten Zelt) sterben, weil die Spitäler voll sind. Sehr viele Tote, darunter auch jüngere Menschen, Pfleger und Bestatter, die überlastet sind. Wenn New York schon heute am 22. März 2020 pro Stunde einen Toten meldet: Wie viele werden es in 10 Tagen sein? Hört also bitte damit auf, COVID-19 mit einer normalen Grippewelle zu vergleichen!

Wohin führt das?

Für mich steht fest: Der Mensch lernt aus Erfahrung und aus Fehlern. Darum bin ich überzeugt davon, dass es in Zukunft bei ähnlichen Bedrohungen bessere, d.h. weniger drastische Massnahmen geben wird, als jene, die derzeit praktiziert werden. Daniel Binswager schreibt in seiner aktuellen Kolumne in der Republik: Wie wird die Welt aussehen, wenn die Corona-Krise einmal ausgestanden ist? Jedenfalls anders. In fernerer Zukunft könnte das sogar bedeuten: besser.

Binswangers Text ist für mich sehr inspirierend, in Bezug darauf, was in Zukunft, wenn die Corona-Krise ausgestanden ist, sein könnte. Wenn ich ihn richtig verstehe, führt er aus, dass es in der modernen Politik weniger um Kontrolle der Untertanen geht als vielmehr darum, das biologische Leben zu optimieren (daher die grosse Bedeutung des Gesundheitswesens in unserer Gesellschaft?). Das heisst, das Ziel ist die Freisetzung von Humankapital. Binswanger (respektive Foucault) nennt das «Biopolitik». Im Normalfall ist die treibende Kraft dahinter die Ökonomie. Nun – im Ausnahmefall – tritt an deren Stelle die Epidemiologie.

Auf die Frage, was Biopolitik legitimiert, nennt Binswanger zwei Dinge: 1. Liberalismus und 2. Rassismus.

Liberalismus im weitesten Sinne bedeutet: das Leben machen lassen. Er schreibt: «Er [der Liberalismus] zielt ab auf eine Regierungstechnik, die nicht an Herrschaft interessiert ist, sondern an der Entwicklung des vorhandenen Potenzials. Er will das Leben optimieren, indem er es sich entfalten lässt.»

Der Rassismus steht für die andere Seite der Biologie: Der Feind, der das eigene Leben bedroht, muss ausgerottet werden.

Was aber heisst in Bezug auf die aktuelle Krise «Das Leben sich entfalten lassen?». Der ökonmische Standpunkt, also jener, den Franziska Laur in der BAZ vertritt, könnte - sehr grob formuliert - folgender sein: «Menschen sterben halt. Also warum das ganze Brimborium um diesen Corona-Virus? Wozu Massnahmen treffen, welche die Wirtschaft ins Straucheln bringen und das ganze System und die Menschen darin bedrohen?». Hört sich schlüssig an. In meinen Augen aber steht diese Haltung für die Option 2, also den biologischen Rassismus: Der Lockdown bedroht die Wirtschaft und damit mich und meine Töchter und Söhne. Wie sollen wir überleben, wenn die Wirtschaft in eine Rezession gerät, wir den Job verlieren und unser Geld seinen Wert verliert? Da opfere ich doch lieber das Gesundheitswesen respektive -personal und ein paar alte Säcke, die so oder so bald sterben...

Ausblick

Welche Biopolitik wird sich durchsetzen? Die liberale Biopolitik oder die rassistische Biopoltik? Ich persönlich glaube fest an eine bessere Zukunft. An Option 1, nicht an Option 2. Ich bin überzeugt davon, dass die COVID-19 Pandemie eine Chance ist, eine wirklich liberale Zukunft zu gestalten, in der nicht mehr nur die Ökonomie als Leitwissenschaft den Takt vorgibt, sondern auch andere, z.B. Umweltwissenschaften, Soziologie, etc. Es wird eine Zukunft sein, in der Solidarität wieder ein grössere Rolle spielt. In der die Menschen sich wieder vermehrt nach innen orientieren, und die Fehler zuerst bei sich suchen, statt immer den anderen schuld zu geben. Eine Gesellschaft, in der jeder einzelne (mehr) Verantwortung übernimmt (als heute). Oder wie Frank A. Meyer es formuliert: Vielleicht folgt daraus [aus den aktuellen Massnahmen] eine neue alte Distanz der Höflichkeit, des Benehmens, der Manieren.
Wir können das gerade sehr gut üben...

PS: Der Grund für die Massnahmen des BAG ist ein einfacher: Es geht schlicht darum, die Erkrankungen über einen gewissen Zeitraum zu verteilen, damit das Gesundheitssystem nicht überlastet wird und auf den Intensivstationen freie Betten bleiben für - ja auch junge - Menschen, denen etwas zustösst (Unfälle, Herzinfarkte, etc).

PPS: «Weltweit werden sich 50 Prozent der erwachsenen Bevölkerung infizieren. Zusammen mit den Kindern werden es am Ende 60 bis 70 Prozent der Weltbevölkerung sein.» Wer das sagt, ist nicht irgendwer, sondern Christian Drosten von der Berliner Charité, siehe: Interview im Blick.

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